Zum sechsten Mal trägt die NFL ein reguläres Saisonspiel im American Football außerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten aus.

Wembley Stadion, ein verregneter Sonntagabend bei Flutlicht in London. 84.000 Menschen warten gespannt auf den Kickoff. Normalerweise müssten in wenigen Minuten Wayne Rooney, Frank Lampard und weitere Spieler der englischen Nationalmannschaft auf den heiligen Rasen des Fußballtempels schreiten. Doch heute ist das anders.

Gänsehautatmosphäre: “Train” performt vor 84.000 Zuschauern im Wembley Stadium.

Gänsehautatmosphäre: “Train” performt vor 84.000 Zuschauern im Wembley Stadium.

Die Inszenierung ist größer. Eine Bühne wird aufgebaut und die Band Train von einer Moderatorin des britischen Fernsehsenders Sky angekündigt. Begleitet von Feuerwerk und bunter Beleuchtung im Stadionrund bringen die Musiker aus San Francisco die Menschenmenge mit drei ihrer Tophits in Stimmung. Anschließend schreitet Grammy-Gewinnerin Michelle Williams zur Nationalhymne auf das Podest. Wer jetzt die britische Hymne erwartet, wird noch enttäuscht. „O say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free and the home of the brave.“ Dazu eine atemberaubende Choreographie des Publikums. Die amerikanische Flagge, zusammengefügt aus tausenden Plastiktüten, die die Zuschauer auf den nördlich gelegenen Rängen in den Himmel strecken. Traditionell gesanglich stark ausgeschmückt singt Williams den Schlussakkord des „Star-spangled banners“.

Gefolgt vom Applaus nun das erste Highlight für die vielen Briten im Wembley. Der Union Jack, die Flagge des Königreichs, wird auf der südlichen Geraden abgebildet. Katherine Jenkins, eine walisische Opernsängerin, begibt sich in die Stadionmitte. Ihre klare, kräftige Stimme wird jedoch übertönt von tausenden inbrünstig singenden Briten. „God save the Queen.“

Sie selbst, die Queen, ist nicht im Stadion. Doch Londons Bürgermeister Boris Johnson hat es sich nicht nehmen lassen, die Zuschauer aus ganz Europa und den USA zu begrüßen – zu den 6. International Series der amerikanischen National Football League (NFL).

In vielfältigen Farbkombinationen werden die Trikots aller 32 NFL-Teams im Fanshop in der Londoner Innenstadt präsentiert.

In vielfältigen Farbkombinationen werden die Trikots aller 32 NFL-Teams im Fanshop in der Londoner Innenstadt präsentiert.

London am Freitagabend. Ein grauer Dunst hängt über der nächtlichen Stadt, es ist kalt. Oktober in der britischen Hauptstadt, das ist wie Winter, nur ohne Schnee. American Football macht sich in diesen Tagen in der Stadt bemerkbar. Überall sind Fans in ihren übergroßen Trikots zu sehen, alle Farben sind vertreten. Anhänger aller 32 NFL-Teams laufen durch die Straßen. Die National Football League macht über die Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika hinaus Werbung für den eigenen Sport, und American Football-Fans aus der ganzen Welt folgen. Dem regulären Ligaspiel zwischen den St. Louis Rams und den New England Patriots in London, umrahmt von einem Wochenende voller Programm rund um das Football-Ei.

Die Texaner Clarke, Tony und John sind über das Wochenende extra für dieses Event aus Dallas nach London geflogen. Sie lassen den Abend in einem englischen Pub ausklingen, bei „richtigem“ Bier und Fußball – diesmal noch die europäische Version. Eine Glocke am Tresen läutet die letzte Runde des Abends ein. Ein Bier noch, dann geht es zurück ins Hotel. Zu einer ungewohnten Zeit, denn in Texas ist es erst später Nachmittag. Doch die drei Amerikaner wollen ausgeschlafen sein. Am Samstag steigt die große Fan Rally auf dem Trafalgar Square.

Von weitem ist die Bühne zu erkennen. Dahinter schimmert in der Ferne der Big Ben. Trikots soweit das Auge reicht. Menschenmassen sammeln sich, in Erwartung dessen, was die National Football League den Fans in Europa zu bieten hat. Der britische Moderator Neil Reynolds und Ross Tucker, ein ehemaliger NFL-Spieler, führen durchs Programm.

Die Cheerleaders der St. Louis Rams kommen auf die Bühne. Im Anschluss an ihre Performance im erstaunlich knappen Dress für die kalte Jahreszeit fragt Reynolds nach dem Ausgang des Spiels am Sonntag. Weniger erstaunlich ist die Antwort der Rams-Cheerleaders. Sie setzen auf ihr Team.

Zwei “Cheeseheads” aus Wisconsin lassen sich mit einem Green Bay Packers-Fan aus Deutschland ablichten.

Zwei “Cheeseheads” aus Wisconsin lassen sich mit einem Green Bay Packers-Fan aus Deutschland ablichten.

Doch nicht nur auf der Bühne gibt es Ansehnliches fürs Auge. Trevor und Mark sind aus Wisconsin nach London gereist. Unter den tausenden Zuschauern fallen sie am meisten auf – als „Cheeseheads“. Sie tragen den Käse, das Markenzeichen der Green Bay Packers, auf dem Kopf. Immer wieder müssen sie Fotoanfragen nachkommen. Sie schlagen diese nicht aus, freuen sich über das große Interesse an ihrer Sportart.

Dies tun auch die Profis der New England Patriots, die nun auf der Bühne sind. Tight End Rob Gronkowski ist bekannt dafür, den Ball nach einem erzielten Touchdown mit Gewalt auf den Boden zu dreschen. Der „Gronk Spike“. Gronkowski ist begeistert von London: „Ich bin zum ersten Mal hier, eine tolle Erfahrung. Die Stimmung war toll, als ich heute Morgen durch die Straßen gelaufen bin“, schwärmt der unverwechselbare 1,98-Meter-Riese am Mikrofon. Die Fans greifen seine Begeisterung auf und skandieren „Spike that mic, spike that mic“. Gronkowski schmunzelt, während er auf eine Frage von Ross Tucker antwortet. Die Sprechchöre reißen nicht ab. Das Interview wird zur Nebensache. Plötzlich reagiert der breit gebaute Amerikaner und schmettert das Mikrofon auf den Boden. Es zerschellt in tausend Teile. Gronkowski jubelt. Die Menge tobt.

Unter den Zuschauern am Trafalgar Square ist auch Ian Robert Smith. Der Seattle Seahawks-Fan aus Plymouth in England sucht nach Gleichgesinnten, die er an der Fankleidung erkennt. „Bei uns sind Fans aus ganz Europa willkommen, die diesen Sport und die Hawks lieben“, sagt der Engländer, der Mitglied der UK Sea Hawkers ist. Sie sind der einzige europäische Fanklub der Seahawks. Als Smith seine Suche fortsetzt, betritt die Drumline der San Francisco 49ers, eine Schlagzeugband, die Bühne. Die neun Musiker aus der Stadt an der Westküste machen Werbung für das London-Spiel im kommenden Jahr und sorgen für Stimmung gegen Kälte und Regen.

Vor dem stärker werdenden Regen geschützt ruft Moderator Neil Reynolds anschließend eine Legende auf die Bühne. Runningback Marshall Faulk hat mit den St. Louis Rams 2000 den Superbowl, die Meisterschaft, gewonnen und wurde in dieser Saison zum wertvollsten Spieler (MVP) gewählt. Als Botschafter der NFL vertritt er die Rams in der Hauptstadt.

Einbruch der Dämmerung. Hinter der Bühne, auf der inzwischen die Cheerleaders der New England Patriots auftreten, geht die von Wolken verdeckte Sonne unter. Die Warteschlangen vor den NFL-Fanartikelständen werden kleiner. Die Fans sind gerüstet für das große Spiel am Sonntag im Wembley Stadium.

American Football live im Stadion, das bedeutet nicht einfach nur, sich im Stadionsitz zurückzulehnen. Traditionell gehört zu einem klassischen „Football Sunday“ die Tailgate Party, eine Art großes Picknick vor der Arena.

Hinter den Menschenmassen auf der Tailgate Party ragt das Wembley mit seinem gigantischen Stahlbogen empor.

Hinter den Menschenmassen auf der Tailgate Party ragt das Wembley mit seinem gigantischen Stahlbogen empor.

Es geht in den Nordwesten von London. Während im Stadion noch die Vorbereitungen für das sechste Spiel der NFL International Series laufen, treffen um das Wembley herum die Fans in ihrer Farbenvielfalt aufeinander. Bei Pulled Pork, Burritos und Hamburgern wird über den Ausgang des Spiels diskutiert. Es könnte ein enges Spiel werden. Die Rams haben einen überraschend guten Saisonstart hingelegt, die Patriots um ihren Starquarterback Tom Brady spielen schon fast erwartungsgemäß souverän.

Wer sich selbst als Footballer probieren möchte, kann dies an zahlreichen Ständen beim Kicken, Werfen und Fangen. Vor dem NFL Shop haben sich erneut endlose Schlangen gebildet. Ebenso schreiben zwei Hall-of-Famer der St. Louis Rams, Marshall Faulk und sein ehemaliger Mitspieler Torry Holt, Autogramme. Die Warteschlangen verschmelzen zu einem riesigen Menschenauflauf.

Erst eine Stunde vor dem Anpfiff leert sich die Tailgate Party. Die Masse pilgert Richtung Stadioneingänge. Wembley ist etwas Besonderes. Meterhohe automatische Drehkreuze als Eingänge, Rolltreppen auf die oberen Ränge. Der Stellenwert des Fußballs in England ist unverkennbar. Oben angekommen macht der Ausblick sprachlos – die Atmosphäre während der „Pre-Game Show“ sowieso.

Offense und Defense krachen aufeinander. Dahinter holt Stephen Gostkowski für die New England Patriots (weiße Trikots) zum Kick aus. Fotos: Maximilian Länge

Offense und Defense krachen aufeinander. Dahinter holt Stephen Gostkowski für die New England Patriots (weiße Trikots) zum Kick aus. Fotos: Maximilian Länge

Das Ergebnis ist am diesem Abend fast Nebensache. Die St. Louis Rams um ihren Denker und Lenker Sam Bradford erzielen zu Beginn der Begegnung einen Touchdown. Es soll ihr letzter im gesamten Spiel sein. Dennoch, bei jeder gelungenen Aktion brandet großer Jubel auf – für beide Teams. Auf Seiten der New England Patriots fängt Mikrofonzerstörer Rob Gronkowski zwei Touchdown-Pässe von Quarterback Tom Brady. Sein Jubel ist den Fans inzwischen bekannt, doch erneut überrascht Gronkowski das Publikum. Den Spike schmückt der Tight End mit einem imitierten Soldatengang, wie er von britischen Soldaten vor dem Buckingham Palace praktiziert wird. New England dominiert. Die Patriots fügen den Rams eine herbe 7:45-Niederlage zu.

Verlierer allerdings gibt es an diesem Tag unter den Zuschauern nicht. Die Menschen feiern sich und ihren Sport. Nein, nicht „Football‘s coming home“ singen sie. „American Football‘s going abroad!“