Völlig erschöpft von sieben Wochen Uni fährt er am Wochenende endlich mal wieder zu den Eltern in die Heimat. Die Vorfreude auf Entspannung ist groß. Er will sich so richtig durchfüttern und verwöhnen lassen. Doch mit der Ankunft am Bahnhof am Freitagabend beginnt der Terminstress. Kino, Abendvorstellung. „Lion“ heißt der Film.

Die Hauptperson des Films, Saroo, ist 25 Jahre alt. Er lebt bei seinen Adoptiveltern in Tasmanien. Behütet. Seine Kindheit in Indien war anders. Karg. Arm. Hart. Als Erwachsener beginnt Saroo, seine Kindheit zu erkunden. Wie er von Indien nach Tasmanien kommt. Sucht seine leibliche Mutter. Seinen Geburtsort. Seine Familie. Sein früheres Leben. Sich selbst. Lange ohne Erfolg, was ihn zerfrisst und zu der Erkenntnis führt: „Ich habe mein privilegiertes Leben satt.“ Ein Satz, der im Kopf bleibt.

Nach der Kinovorstellung sitzt die Familie beim Italiener. Auf seiner Pizza ist zu viel Käse. Zu viel Essen zu später Stunde. Er hat es satt, dieses Völlegefühl.

Am Samstagmorgen geht’s auf den Bauernmarkt. Lange Schlangen an den Ständen. Hektisches Treiben. Kunden, die sich nicht entscheiden können, ob sie ein Pfund oder ein Kilo Rhabarber wollen. Händler, die aufdringlich die letzten drei Schalen Erdbeeren anpreisen. Er wartet ungeduldig auf seine Eltern, die sich treiben lassen. Privilegien der Auswahl.

Mittagessen holt er sich anschließend beim Straßenfest der türkischen Gemeinde. Viel Auswahl. Salate, Falafeln, Weinblätter. Die Verkäuferinnen können ihm nicht erklären, was er da gerade bestellt. Muss er sich jetzt auf das Fremde einlassen? Privilegien internationaler Küche im Überfluss.

Abends liegt er mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher. Warum macht dieses Getränk so müde? Er will dagegen ankämpfen, scheitert aber, bevor das Aktuelle Sportstudio beginnt. Privilegien machen müde.

Ausschlafen am nächsten Morgen ist nicht. Die Verabredung zum Brunch verhindert das. Eine Bedienung bringt fälschlicherweise die Getränke, die der Nachbartisch bestellt hat. Und später die tatsächlich bestellten. Die falschen gehen aufs Haus. Privilegien auf die Blase.

Mit der Zugfahrt zurück zum Studienort endet der Wochenendbesuch zuhause. Weil der IC Verspätung hat, darf er in den schnelleren ICE umsteigen und kommt früher ans Ziel. Trotzdem ist er gestresst, denn mit dem Zugwechsel verfällt die Sitzplatzreservierung. Privilegien haben ihre Preise.

Völlig geschafft fällt er am Sonntagabend ins Wohnheimbett. Nach einem entspannenden Wochenende. Voller Privilegien. Die womöglich gar keine sind.

Website „Lion“